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Ausstellungsbericht
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Hinter der Vierten Wand -- Fiktive Leben – Gelebte Fiktionen
copyright: Courtesy Morris and Helen Belkin Art Gallery und Catriona Jeffries Gallery, Vancouver
©: Courtesy Morris and Helen Belkin Art Gallery und Catriona Jeffries Gallery, Vancouver
  

Mit seinem Begriff der Vierten Wand hat Denis Diderot für das Theater des 18. Jahrhunderts die Nahtstelle zwischen inszenierter und realer Welt markiert. Damit sollte der Illusion gleichzeitig eine entsprechende Distanz entgegen gesetzt und schließlich die Wahrnehmung der BetrachterInnen „erschüttert“, auch verändert werden.

von: 2.Jun 10
bis: 15.Aug 10


Generali Foundation
Verein zur Förderung von Kunst und Kultur
Wiedner Hauptstraße 15
1040 Wien, AT
Tel: + 43 1 504 98 80
Fax: + 43 1 504 98 83
Email: foundation@generali.at
http://foundation.generali.at/

Öffnungszeiten:
Di bis So, feiertags 11 bis 18
Do bis 20 Uhr



Karten mit Ziel und
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Vor der Folie eines veränderten Realitäts-, aber auch Theaterbegriffs verfolgt Bertolt Brecht mit seinem Verfremdungskonzept ein ähnliches Ziel wie Diderot mit der Idee der Vierten Wand: Für beide wird die Bühne zu einem distanzierenden Spiegel, welche dem Auge das wahre/falsche Wesen der Welt enthüllt.

Wir wissen um die Politik der Fiktionen, der Trugbilder oder Simulationen des Realen, die unser Denken und Begehren bestimmen, und doch scheint ihre Sogwirkung ungebrochen. Wie wirklich ist die Wirklichkeit, wenn die Unterscheidung zwischen Sein und Schein längst aufgehoben scheint und Realität zu einer undurchdringlichen Oberfläche geworden ist? Die Kenntnis von der „Gemachtheit“ der Welt, der Konstruktion immer neuer Realitäts- und Lebensentwürfe, die unser Zusammenleben organisiert, steuert und manipuliert, wird zur Forderung, hinter die Kulissen zu schauen, gegebenenfalls selbst Bühnen zu schaffen, das Fiktionale am Realen auszuhebeln. Kann mit dem Rückgriff auf ein historisches Modell, wie etwa Denis Diderots Konzept der „Vierten Wand“ oder auch Bertolt Brechts Verfremdungseffekt eine Bühne entstehen, die ein „anderes“ Sehen oder die Rückgewinnung einer Distanz zur kritischen Beschreibung unserer Lebenswelt ermöglicht?

Die Künstler dieser Ausstellung nähern sich auf vielfältige Weise der Frage, wie Realität in Bildern, Aussagen und Zeichen vermittelt werden kann. So beispielsweise Judy Radul, wenn sie den Internationalen Gerichtshof aus Den Haag in den Ausstellungsraum verlegt. Hier findet das vierstündige Reenactment einiger Gerichtsverfahren (u. a. gegen Slobodan Milošević oder den liberianschen Präsidenten Charles Taylor) statt, in welchem die Frage nach der Darstellbarkeit und Inszenierung von „Wahrheit“ ins Blickfeld rückt. Raduls Mise-en-Scène orientiert sich an der Organisation und dem Einsatz der technischen Apparaturen: Das Kameraauge führt Regie in diesem Schauspiel des kontrollierten Blicks/Ausschnitts und kreiert, ähnlich den Diderotschen Bühnenstücken, eine Performance ineinander geschachtelter Beobachtersituationen, die es ermöglichen, die Wirklichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln zu analysieren.

Ein Bild als „reinen Ausschnitt mit sauberen Rändern“ (Roland Barthes) liefert Aernout Mik in Convergencies eben nicht mehr, denn es franst an den Rändern in eine Unbestimmtheit von Raum und Zeit aus. Wie in Harun Farockis Immersion, in der die Wirkung virtueller Welten getestet wird, geht es hier um den kritischen Blick auf die Sogwirkung des medialen Bildes, die die Welt der Fiktion von jener der Realität kaum mehr unterscheidbar macht. Auf zwei über Eck montierte panoramenhafte Bildtafeln, die das Genre des Historienbildes aufnehmen, wird unentwegt Found-Footage-Material internationaler Nachrichtensender projiziert. Das ohne narrative Spitzen und erklärende Kommentare montierte Material lässt die BetrachterInnen in einem orientierungslosen Schwebezustand zurück.

Sprache als Methode, das Reale im Fiktionalen sichtbar zu machen, wird in den Arbeiten von Andrea Geyer, Wendelien van Oldenborgh, aber auch von Omer Fast auf jeweils verschiedene Art und Weise eingesetzt. Stottern, Versagen oder das Godardsche Stammeln, verbunden mit sichtlich körperlichem Unbehagen versinnbildlichen beispielsweise die prekäre Situation der Staatenlosigkeit, wenn Andrea Geyer in Reference Over Time als eine unmittelbare Reaktion auf einen Gesetzesentwurf der Ära Bush – den sogenannten USA PATRIOT Act II, in dem der Staat u. a. das Recht erhalten sollte, legale ImmigrantInnen zu deportieren – Bertolt Brechts Flüchtlingsgespräche von einer Schauspielerin zitieren lässt.

Wendelien Van Oldenborgh stellt in No False Echoes hingegen eine vielschichtige Sprach-Bild-Landschaft her, die den historischen Text des indonesischen Freiheitskämpfers Soewardi Soerjaningrat und die Diskussion um die Sendepolitik des niederländischen Rundfunksenders Philips Omroep Holland Indië in eine zwischen Fiktion und Dokumentation angesiedelte Polyphonie der Stimmen auflöst.

Omer Fast verschränkt in Godville zwei Raum-Zeit-Ebenen (das 18. und 21. Jahrhundert): Er montiert Interviews, aufgenommen im Living-History-Museum in Williamsburg/Virginia zu einer nahtlosen Erzählung, die an der Überschneidung zwischen Fakt und Fiktion die Bruchstellen zwischen (historischen) Ereignissen, Erinnerung, Erfahrung und medialer Übersetzung offenlegt.

Ein historisches Crossover, übersetzt in eine bühnenartige Videoinstallation, liefern Frédéric Moser und Philippe Schwingers mit Farewell Letter to Swiss Workers: Hier wird an verschiedenen Schauplätzen und sozialen Gruppen die mögliche Umsetzbarkeit marxistischer Diskurse für das reale Leben in theatralischem Spiel erprobt. Der Blick hinter die Vierte Wand wird in Allan Sekulas Aerospace Folktales oder Ian Wallace’ Poverty zur Frage nach der Wirklichkeit im fotografischen Bild. Während Sekula seine familiäre Situation im politischen und sozialen Milieu der beginnenden 1970er Jahre verortet und den BetrachterInnen einen bestimmten Platz in seiner als bühnenhaftes Setting inszenierten Fotoreportage zuweist, überträgt Ian Wallace in Poverty die Dramaturgie eines Films in die Fotografie, wobei das vermeintlich Faktische (Bilder der Armut) schon immer auf Inszenierung, das heißt, auf der Repräsentation von Wirklichkeit basiert. Nichts in diesem Werk ist unmittelbar oder authentisch, und doch besteht an der vermittelten Realität kein Zweifel: Hinter den farblich verfremdeten Fotografien wird die Wahrnehmung von Wirklichkeit als „Klischee“ entlarvt. Wie wird „Wahrheit“ erfahrbar im Drama der nur vermeintlich authentischen Gesten oder, anders herum, wie kommt man dem Fiktionalen auf die Spur, das uns Wirklichkeit vortäuscht?

Die Werke der KünstlerInnen zielen darauf ab, die Wirklichkeit in ihrer Vielschichtigkeit under construction zu zeigen. Sie nehmen dazu (mikro)politische Gemeinschaften unter die Lupe, verwandeln soziale Felder in theatralische Schauplätze, sezieren deren Strukturen mit der Rhetorik des Theaters und des Films. Dokumentarisches, (Auto-)Biografisches und Fiktives bilden das Material für diese kritische Befragung der aktuellen Verfasstheit unserer Lebenswelt.

[red]

copyright: Courtesy carlier | gebauer, Berlin
©: Courtesy carlier | gebauer, Berlin

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